Obwohl bereits die früheste Geschichtsschreibung auf orale Quellen
zurückgriff, bedurfte es unter Wissenschaftler*innen Mitte des 20. Jahrhunderts
noch einige Überzeugungsarbeit, dass orale Quellen durchaus für die Forschung ihre
Berechtigung hatten und dass mit ihrer Einbeziehung ausdrücklich neue
Erkenntnisse oder Einsichten erzielt werden konnten, und zwar insbesondere
dann, wenn schriftliche Dokumente nicht verfügbar oder zugänglich waren.
Der Begriff der Oral History beschreibt einen methodischen
Ansatz der Zeitgeschichte, der zwar keineswegs ausschließlich auf oralen Daten
basiert, diesen jedoch eine entscheidende Rolle zugesteht. Im Prinzip ist der
Rückgriff auf orale Quellen nicht auf einzelne Gesellschaften beschränkt, allerdings
verhalfen Kulturen mit einer ausgeprägten oralen Tradition dieser Quellengattung
zu einer weitaus größeren Bedeutung als in Kulturen mit schriftlicher Tradition.
Im afrikanischen Kontext erfolgte eine Aufwertung der Oral
History im Zuge der Unabhängigkeiten der afrikanischen Staaten ab den 1950er/1960er
Jahren. Damals begannen Historiker*innen, allen voran Jan Vansina, vermehrt interviewbasierte
Daten in ihre Forschung mit einzubeziehen. Ein Motiv war, sich von der dominierenden
Geschichtsschreibung zu lösen, die vorwiegend auf schriftlichen Dokumenten von
zumeist Vertreter*innen der kolonialen Elite und/oder Missionar*innen basierte.
Aufgrund fehlender schriftlicher Quellen erwies sich die Oral History zudem gerade
für die vorkoloniale oder frühere afrikanische Geschichte als Gewinn. Gleichzeitig
wurden die ihr immanenten Möglichkeiten im Zusammenhang mit Ansätzen einer
„Geschichte von unten“ oder einer „Geschichte der Subalternen“ genutzt. Mittlerweile
genießen Methoden der Oral History allgemeine Akzeptanz. Eine gewisse Skepsis blieb
allerdings, zum Beispiel darüber wie orale Daten generiert werden. Auch besteht
weiterhin Kritik an einer mangelnden Transparenz bezüglich des Materials und einer
dadurch fehlenden Möglichkeit zur Überprüfung der Quellen.
Anhand ausgewählter Beispiele werden in der Übung Methoden der
Oral History in der historischen (Afrika-)Forschung und damit einhergehende
Debatten näher beleuchtet. Diskutiert wird außerdem der Umgang mit dieser
Quellengattung und bestimmte Herausforderungen, die orale Quelle mit sich
bringen.
Die Bereitschaft, englischsprachige Literatur zu lesen wird vorausgesetzt.
Literatur:
Vansina, Jan,
Oral Tradition as History (London,
1985).